Eine Mauer des Schweigens

Crosspost von der Freitag-Community

Viel wird diskutiert über die Rolle, die Frauen zugewiesen wird: Aufopferungsvoll und fleißig, konsensorientiert und gutmütig und sanft und verzeihend, passiv und liebevoll. Und bei alldem auch noch hübsch aussehen. Frauen, die aus diesem Bild ausbrechen, zum Beispiel um Chefposten anzustreben und Führungspositionen einzunehmen, müssen immer noch mit erbittertem Widerstand rechnen. Nicht umsonst sind Frauen weniger lange in den viel Durchsetzungsfähigkeit erfordernden Parteien und weniger häufig in den Vorständen von großen Unternehmen vertreten.

Mittlerweile wird auch immer häufiger darüber diskutiert, welches Rollenbild Männern zugewiesen wird, welche Grenzen und welche Einschränkungen sie dadurch erfahren. Für Männer, denen traditionell das Geschlechterbild der Ernährer- und Beschützerrolle zugewiesen wird, gilt vor allem, dass sie keine Schwäche zeigen dürfen. Sie müssen stark, cool, unnahbar und überlegen wirken, Emotionen bleiben verborgen und damit unterdrückt. Judith Holofernes bemängelt durchaus zurecht im Interview mit der FAZ, dass sie scheel dafür angeschaut wird, wenn sie ihr Baby während eines Termins ihrem Mann anvertraut, während dies anders herum nicht gilt. Männer wiederum stoßen noch immer auf viel Unverständnis, wenn sie sich eine Elternzeit nehmen, können gleichzeitig schlechter damit umgehen, wenn sie arbeitslos werden, eine Beförderung nicht bekommen oder sie in der direkten Konfrontation unterliegen, da sie in Gefahr geraten als “Versager” wahrgenommen zu werden..Auch dies ist eine Konsequenz aus den gesellschaftlich festgelegten Rollenbildern, aus denen auszubrechen es noch immer schwer ist.

Ein besonders schlimmes Resultat der Geschlechterrollenfixierung ist für Männer die mangelnde Fähigkeit, Konflikte zu ertragen und verarbeiten. Während typisch männliche Rituale wie “sich Anschreien und danach zusammen trinken gehen” bei Konflikten mit Kollegen oder Freunden typisch weiblichen Ritualen ebenbürtig oder sogar überlegen sein mögen, gilt dies nicht für die Bewältigung besonders schlimmer und traumatisierender Ereignisse. Gerade in Bürgerkriegsgebieten, wo das Leid von Kindern und Frauen sehr intensiv thematisiert wird, gerät das erduldete Leid von Männern oft in den Hintergrund. Schuld daran sind auch die Männer selbst, die nicht fähig sind, ihr Erlebnis aufzuarbeiten oder überhaupt öffentlich anzusprechen, was aber vor allem an den übertriebenen Männlichkeits-Anforderungen der jeweiligen Gesellschaften liegt.

Der Hauptunterschied zu den weiblichen Opfern ist, dass sie sich meist an niemanden wenden können. Der Grund dafür ist die tiefgreifende Tabuisierung dieses Themas durch die Gesellschaft. Für Familienväter ist die Möglichkeit des Outings mit katastrophalen Konsequenzen verbunden. Vergewaltigt zu werden wird traditionell als Verbrechen an Frauen angesehen, ergo ist das Opfer seiner Männlichkeit beraubt. Es kann seine Beschützerrolle in der Familie nicht mehr wahrnehmen. Sogar das Brechen des Schweigens gegenüber der eigenen Frau kann zum Bruch der Ehe führen. Will Storr schreibt dazu in einem spannenden Artikel für den Guardian zu diesem Thema über Ehefrauen, die sich nach dem privaten Geständnis fragten, wie ihr Mann sie in Zukunft schützen soll, wenn er schon nicht einmal sich selbst beschützen kann. Sie packten ihre Sachen zusammen und verließen, zusammen mit den Kindern, ihren Mann, dem es dann natürlich das Herz brach.

Oft gibt es eine stille Übereinkunft zwischen Opfer und Täter, nicht über die Tat zu sprechen. Ein Abkommen, das Vorteile für beide Seiten enthält. Denn gerade in Afrika kann man durch das Brechen seines Schweigens in große Schwierigkeiten mit den Behörden kommen, ohne auf viel Unterstützung hoffen zu dürfen. In Uganda zum Beispiel unterliegen Opfer von Sexualverbrechen immer dem Risiko, von den Behörden als Homosexuelle identifiziert und festgenommen zu werden. Kein Wunder, ist dies doch in 38 der 53 afrikanischen Staaten noch immer ein Verbrechen, das zum Teil mit schweren Strafen geahndet wird.

Daher kommt es auch, dass es zu diesem Thema kaum belastbare Zahlen gibt. Die Studien, die es bisher gibt, legen nahe, dass das Thema in der Öffentlichkeit stark unterrepräsentiert ist und eigentlich eine wesentlich breiteren Aufarbeitung bedürfte. Eine der wenigen Studien, die auch sexuell motivierte Verbrechen an Männern mit einbezieht, wurde 2010 im Journal of the American Medical Association veröffentlicht. Demnach meldeten 22% der Männer und 30% der Frauen im Ostkongo sexuell motivierte Übergriffe. Lara Stemple vom Health and Human Rights Law Project der Universität Kalifornien legte in einer Studie den Fokus speziell auf die Vergewaltigung an Männern. In der Studie Male Rape and Human Rights untersuchte sie an Männern verübte Sexualverbrechen als Waffe des Krieges und der politischen Aggression in Ländern wie Chile, Griechenland, Kroatien, Iran, Kuwait, der früheren Sowjetunion und im früheren Jugoslawien. Allein ihre Untersuchung von 6000 Inhaftierten im Konzentrationslager von Sarajevo stellte fest, dass 80% der Männer vergewaltigt worden waren. Besonders interessant ist auch ein Bericht, den Will Storr für den Guardian anfertigte, nachdem er in Uganda mit traumatisierten männlichen Opfern sexueller Gewalt sprach.

Mittlerweile wird das Thema auch in Afrika, zumindest in speziellen Kreisen, stärker thematisiert. Will Storr berichtet im Guardian, über das Refugee Law Project (RLP) der Universität von Makerere, in dem Bürgerkriegsopfern aus vielen verschiedenen afrikanischen Ländern geholfen wird, über ihre Traumata zu sprechen und diese zu verarbeiten. Auch hier war es bis vor wenigen Jahren nicht vorstellbar, mit Männern über ihre erlebte Vergewaltigung zu sprechen. Inzwischen hat sich dies geändert. 2009 veranlasste der Direktor des Projekts, Dr. Chris Dolan, dass in Kampala auf Plakaten für einen Workshop zu diesem Thema geworben wurde. 150 Männer erschienen. Einer von ihnen meldete sich und gestand, dass es quasi allen Männern passiert sei. Nachdem unter den 200.000 Flüchtlingen in Uganda herumgesprochen hatte, dass im RLP auch männlichen Opfern sexueller Gewalt geholfen wird, kamen immer mehr Opfer und meldeten sich zu Wort.

Dennoch muss noch einiges aufgeholt werden. Viele Hilfsorganisationen haben Hilfsprogramme für Frauen, jedoch keine für Männer. Bei einigen wird Vergewaltigung per se als Verbrechen gegen Frauen definiert. Hillary Clinton kündigte kürzlich $ 44 Mio. zur Umsetzung der UN-Sicherheitsrats-Resolution 1325 (PDF) an. Leider werden auch in dieser Resolution aus dem Jahre 2000 Sexualverbrechen in Kriegszeiten als etwas definiert, was grundsätzlich nur Frauen passiert. Die Tatsache, dass auch Männer Opfer von Kriegen sind und auch schwach und hilfsbedürftig sein können, ist bei vielen Organisationen noch nicht angekommen oder wird bewusst ignoriert. Das könnte daran liegen, dass die Höhe der Hilfsmittel für Opfer von Gewalttaten und Vergewaltigung bereits festgelegt sind. Eine stärkere Thematisierung der Gewalt gegen Männer würde voraussichtlich nicht zu einem höheren Gesamtbudget führen.

Schaden tut man damit jedoch beiden Seiten. Männer werden in ihrem Anspruch auf Unverwundbarkeit bestätigt und daran gehindert, mit ihren schwachen Momentan offen umzugehen. Frauen werden noch stärker in die Opferrolle gepresst. Ein Hinterfragen dieser als unverrückbar angesehenen Ansichten erscheint in diesem Lichte dringend notwendig und würde sowohl dem Moloch UNO als auch internationalen Hilfsorganisationen gut zu Gesicht stehen. Und wir, die wir in einem Land frei von Bürgerkrieg leben, können viel von den Geschehnissen in diesen Gebieten lernen und uns die Frage stellen, wieviel wir selbst noch aufzuholen haben.

2 Comments

2 Comments

  1. <3 Aber ein paar doppelte Punkte zuviel ;-)

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